10. Dezember 2009

Video: "Integrale Lebenspraxis" auf Jetzt-TV

"Integrale Lebenspraxis - Leben in Freiheit und Fülle"

In diesem vierten Vortrag von Dennis Wittrock im Rahmen des Integralen Forums geht es um die praktische Anwendung und die Ergebnisse integraler Praxis anhand von Ken Wilber.

Video Teil 1:

Was ist AQAL? Die fünf Komponenten des Modells; die Vier Quadranten; die vier Quadranten im Alltagsleben angewendet; Selbst, Kultur und Natur; alle Dimensionen mit einbeziehen; das Gegenteil von ILP anhand von vier Karikaturen; der Sportler; der Meditierende; der Psychologe; der Philosoph; drei integrale Überzeugungen; die ILP-Module (body, mind, spirit, shadow); warum Praxis im Körper-Modul? Gesundheit/ Fitness; Stärkung des relativen Vehikels; Lebensfreude /Energie

Teil 2:

Warum Praxis im Geist-Modul? Perspektivübernahmen; gute Landkarte der Wirklichkeit; warum Praxis im Seele-Modul?; Weisheit und Mitgefühl; Erwachen; warum Praxis im Schatten-Modul? Destruktive Muster erkennen; regelmäßige Psychohygiene; die Module als Linien der Entwicklung betrachtet; die Zustände des Bewusstseins; die drei Körper (grob, subtil, kausal); Training in den drei Körpern; veränderte Bewusstseinszustände; das Ziel von ILP; Synergie-Effekte durch integrales Cross-Training

Teil 3:

Das Praxis-Büffet ist angerichtet; ein Auswahl von Praktiken der Transformation; Praktiken aus dem Körper-Modul; Fitness; Ernährung; Schlaf; jeweils Scan der aktuellen Praxis: was mache ich bereits?; Praktiken aus dem Geist-Modul; Lesen und Studieren; Diskutieren; Rätsel lösen; Praktiken aus dem Seele-Modul; Meditation; Gebet; 1-2-3 of God; Praktiken aus dem Schatten-Modul; Tagebuch; Psychotherapie, Zwiegespräche; der Schatten des Schatten-Moduls

Teil 4:

ILP-Zusatzmodule; "Warum-Cross-Training?" Einige Beispiele; Empfehlungen des ILP Teams; Praxis und vermeintlicher Zeitmangel; Leitlinien zur Etablierung einer persönlichen ILP; Rahmen: Vorbilder identifizieren; tägliche Kernpraktiken; Synergien nutzen; Intention/ Absicht: Praxis Affirmation, realistische Ziele; Verpflichtung: Vertrag mit sich / Community; Durchhaltevermögen; Sichtbarkeit etablieren; Anpassung der Praxis an Lebensphasen; Entwurf des eigenen Plans; Geduld, Hingabe, Achtsamkeit, Humor und Freude in der Praxis; Suchtgenesung mit ILP; Ergebnisse integraler Praxis anhand von Ken Wilber

->Link zu allen Videos der KW Vortragsreihe auf Jetzt-TV<-


6. Dezember 2009

Bei Wilber geht die Liebe durch den Geist


In meiner Arbeit im integralen Feld ist mir schon oft das Vorurteil begegnet, dass die Integrale Theorie, wie sie von Ken Wilber vertreten wird ziemlich verstandesmäßig und daher „verkopft“ sei. Auch hört man immer mal wieder Sätze wie „das ist mir zu kalt, da fehlt mir das Gefühl und die Liebe“. Integrale Theorie ist in diesem Sinne nicht so leicht von jedem Gefühlsdus(s)el im Sturm zu erobern und bedarf gewissermaßen einiger „Liebesmüh“ um in sie einzudringen und ihren Wert erkennen zu können. Der Spruch „Liebe geht durch den Magen“ ist ja hinlänglich bekannt. Ich möchte ergänzen „...und durch den Geist“. Wilbers Liebe geht vor allem durch den Geist. Sie spricht aus der weiten Umarmung der größtmöglich denk- und erfahrbaren Anzahl von Dimensionen, und Perspektiven, die – gereinigt von Nebensächlichkeiten, Absolutismen und Enggeistigkeit – in ihrer Essenz der ganzen Welt anmutig als Geschenk dargeboten werden. Die Anmut spricht aus der Tatsache, dass Wilber uns keinen bloßen Haufen seiner liebsten Wissensfundstücke überlässt, sondern ein exquisites, ineinandergreifendes System, das sowohl ein eigenes Ganzes, als auch ausbaufähig ist.
Soviel zur Liebe, die ich – kunstvoll verpackt im begrifflichen Geschenkpapier – implizit in der integralen Theorie selber wahrnehme.

22. November 2009

The Levellers live

vor kurzem habe ich die "Levellers" in Bremen live gesehen. Für alle, die sie nicht kennen hier "Riverflow", einer meiner Lieblingssongs von ihnen aus dem Album "Levelling the Land", live. Die Geige bringt mich voll ins Samadhi...

8. September 2009

Multinexus Webportal ist online!


Wer sich schon lange gefragt hat, wie die integralen Initiativen in Deutschland eigentlich zusammenhängen und was es eigentlich so alles zu diesem Thema gibt, der bekommt nun durch eine neue Webseite einen guten Überblick:

www.multinexus.org

Der Multinexus ist ein Zusammenschluss und eine Integration derjenigen Organisationen im deutschsprachigen Raum, die den integralen Ansatz (AQAL), wie er massgeblich von dem amerikanischen Philosophen Ken Wilber entwickelt worden ist, bekannt machen und in vielen verschiedenen Bereichen umsetzen wollen.

Im März 2008 trafen sich die Vertreter zentraler integraler Organisation zum "integralen Gipfeltreffen" in Frankfurt und vereinbarten eine stärkere Zusammenarbeit und eine verbesserte Koordination unter dem Leitgedanken der gemeinsamen integralen Vision.

Als ein Ergebnis daraus entstand das Multinexus Internet Portal als die Repräsentation der deutschsprachigen integralen Bewegung in der Öffentlichkeit zum Zweck der besseren Orientierung und Übersicht.

11. August 2009

Integrale Impulse auf dem Celebrate Life Festival

Bericht von Dennis Wittrock

Seit 2004 findet regelmäßig das Celebrate Life Festival im Hof Oberlethe bei Oldenburg statt. Gastgeber sind der spirituelle Lehrer Thomas Hübl und die Academy of Inner Science. Unter dem Titel „Consciousnes & Evolution – Awakening into a New Culture“ kamen in diesem Jahr vom 30.07-09.08. insgesamt über 1000 Menschen zusammen, um 11 Tage lang miteinander zu meditieren, zu tönen, zu lernen, zu diskutieren, ihren Schatten zu konfrontieren, zu tanzen und das Leben zu feiern. Das Wetter spielte gut mit und verwandelte das Festival am See zeitweilig in ein Zelt- und Badeparadies.

Neben vor Ort Beitragenden wie Johannes Heimrath (Club of Budapest World Shift Foundation), Scilla Elworthy (PeaceDirect und World Future Council) wurden die Zukunftsforscherin Barbara Marx Hubbard und die Autorin Byron Katie („The Work“) per Skype hinzugeschaltet.


Aus integraler Sicht erfreulich war, dass in diesem Jahr verstärkt explizit integrale Impulse im Programm auftauchten. Der Autor und Wilber-Kenner Michael Habecker (DIA) sprach in seinem Hauptvortrag über „Integrale Spiritualität“ und vertiefte dieses Thema am darauffolgenden Tag in seinem Workshop mit dem selben Titel. Ein Highlight des Festivals war das Telefon-Interview von Thomas Hübl mit Ken Wilber, welches von Max Peschek und Dennis Wittrock übersetzt wurde. Ken antwortete u.a. zu Fragen zur globalen Krisensituation, zum neuen US-Präsidenten Barack Obama, sowie zu spirituellen Missverständnissen in der Satsang-Szene. Den Abschluss bildete ein Workshop von Dennis Wittrock (DIA) mit dem Thema „Integrale Lebenspraxis“ am vorletzten Tag.

Täglich gab es „Sharing the Presence“ und „Toning“ mit Thomas Hübl. Immer wieder bezog er sich auf die Arbeit von Ken Wilber und anderen integralen Denkern. Das Programm des Festivals war so gestaltet, dass es die Module der Integralen Lebenspraxis komplett abdeckte: Yoga (Körper) und Meditation (Spirit) am Morgen, danach mentaler Input durch Vorträge (Geist) und schließlich intensive psychodynamische Arbeit (Schatten) in den Sharings und mit Hilfe der zahlreichen Assistenten des Teams, die man in Einzelsitzungen konsultieren konnte.

Selbst Zusatzmodule von ILP wie der Bereich „Arbeit“ waren durch eine Armada ehrenamtlicher Helfer und den nicht gewinn-orientierten Benefiz-Charakter der Veranstaltung (Spenden für Hilfsprojekte) abgedeckt. Insgesamt kamen ca. 26.000 Euro zusammen, nicht zuletzt auch weil Thomas Hübl den Erlös des Verkaufs seines neuen Buches „Sharing the Presence“ vor Ort zu hundert Prozent spendete. Erwähnenswert ist auch die familienfreundliche und generationsübergreifende Ausrichtung des beliebten Festivals mit Kinderbetreuung und Jugendcamp. Hier werden schon früh Samen der Bewusstheit gesät.

Seien wir gespannt in welche Richtung sich dieses kontinuierlich entwickelnde Festival weiter bewegt. Eines ist klar: das Erwachen zu einer neuen Kultur von Bewusstsein und Evolution hat längst begonnen und zeigt bereits erste Konturen.

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P.S.: Auch die Lokalpresse hat das Festival wahrgenommen. Hier ein link zu einem Bericht aus der Nordwestzeitung (NWZ) ->hier klicken<-

24. Juli 2009

Das Hochland-Dilemma



Integrale Theorie und Spiritueller Reduktionismus

von Dennis Wittrock

Das Geräusch kratzender Fingernägel an einer Tafel. So ähnlich zog sich in mir innerlich etwas zusammen, als ich das erste Mal den Untertitel der deutschen Übersetzung von „Integral Spirituality“ erblickte. Im Original heisst der Untertitel „Eine überraschende neue Rolle für Religion in der Modernen und Postmodernen Welt“ Stattdessen: „Spirituelle Intelligenz rettet die Welt“. Ok, Wilber formuliert manchmal selber etwas pathetisch, und Verlage müssen Bücher an ihre Zielgruppen verkaufen – aber das ging mir einen Schritt zu weit. Dann der nächste Streich mit der deutschen Version von „The Integral Vision“. Hier lautet der Untertitel „Eine kurze Geschichte der integralen Spiritualität.“ Wieder das gleiche Muster: Spiritualität steht stellvertretend für das, worum es in der integralen Theorie von Ken Wilber geht.

In seinem Buch „Eros, Kosmos, Logos“ (zur Abwechslung mal eine gelungene Titelübertragung) prägt Wilber erstmals den Begriff „Flachland“. Das bezeichnet eine Weltsicht in der Innerlichkeit, Sinn, Tiefe - und somit auch Spiritualität – keinen Platz haben und in der das Universum auf das zufällige Durcheinander von Materie, bzw. „verspielten Schmutz“ reduziert wird. Die „Flachland-Welt“ ist quasi zweidimensional und eine sie durchquerende Kugel wird darin nur als Kreis ohne Tiefe wahrgenommen.

In Bezug auf die Integrale Theorie spielt sich momentan das genaue Spiegelbild dessen ab. Mit einer integralen Brille überwinden wir zwar die Flachland-Sicht, doch manövrieren uns dadurch in das, was ich als das „Hochland-Dilemma“ bezeichnen möchte: die Reduktion der integralen Weltsicht auf Spiritualität und Religion. Da sitzen wir nun auf dem Gipfel der Weisheit und haben endlich den Durchblick in Bezug auf Zustände und Strukturen und schwelgen in den drei Gesichtern Gottes – doch die Welt interessiert das nach wie vor nicht. Auf dem Gipfel der integralen Erkenntnis ist es verdammt einsam und wir erleben hautnah, dass „größere Tiefe [oder hier: Höhe] geringere Spanne“ bedeutet.

Es ist wahr: es gibt wohl kaum eine ausgefeiltere Analyse und Darstellung des Terrains unseres höchsten Selbst, als die Landkarten, die uns Ken Wilber zusammengestellt hat. Es ist wahrhaft der Plan, der uns den Ausbruch aus dem Gefängnis des Samsara ermöglichen kann. Doch es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass gerade die Stärke von Wibers Arbeit auf dem Feld der Spiritualität sich in der Anwendung seiner restlichen Theorie in der Welt als seine größte Schwäche entpuppt.

Wer wie ich versucht hat in der akademischen Welt für den Integralen Ansatz zu werben, weiß wie groß die Vorbehalte in Bezug auf Wilbers starke Auseinandersetzung mit dem Thema „Spiritualität“ sind. Ruck-zuck landet man in der Esoterik-Ecke neben Räucherstäbchen, Feng Shui, „OM“-summenden Spinnern, Tarot-Karten und natürlich Scientology. Da steht man nun mit seinem philosophisch ausgefeiltem Avant-Garde Modell eines „integralem methodologischen Pluralismus“ und erntet die mitleidigen Blicke. Das Hochland-Dilemma ist lediglich die Kehrseite des allgemeinen öffentlichen Flachland-Diskurses, dem dringend die Unterscheidung von prä- und trans fehlt.

In meiner Philosophie-Magisterarbeit habe ich die Formen multi-, inter-, und trans-disziplinärer Kooperationen untersucht. Dabei ist mir ein eklatanter Mangel und ein expliziter Bedarf an übergeordneten Modellen wie Wilbers IMP aufgefallen. Man könnte in diesen Forschergruppen soviel mehr Klarheit darüber schaffen, welche Disziplin welche spezifische Perspektive beiträgt und wie sie alle zusammen passen. So bin ich denn in meiner Darstellung dem Rat eines Freundes gefolgt und habe eine „Theorie von FAST Allem“ anstelle einer „Theorie von Allem“ referiert. Ich habe sehr selektiv zitiert und das Thema „Spiritualität“ weitestgehend ausgeklammert. Im tibetischen Buddhismus nennt man das wohl „Upaya“ – die Anwendung geschickter Mittel.

Wer Wilbers Ordnungskategorien Quadranten, Ebenen, Linien und Typen kennt, der weiß, dass spirituelle Zustände nur ein Bruchteil dessen sind, bei dem uns die integrale Theorie wertvolle Orientierungshilfen geben kann. Wilber sagt zurecht, dass - egal mit welcher dieser fünf Ordnungskategorien man sich nun gerade beschäftigt – jede als die Wichtigste erscheint. John Dupuy beschreibt, dass alleine die Anwendung der vier Quadranten einen Quantensprung für das Feld der Suchtgenesung bedeutet. Das gleiche gilt in Bezug auf integrale Ansätze in Medizin, Ökologie, Politik, usw.

Oder Ebenen für sich genommen – hier ist mein Stoßgebet gen Himmel: „ Oh Herr, steh uns bei und verhilf dem Wissen um Stufen der kognitiven und Werte-Entwicklung zur gebührenden öffentlichen Kenntnisnahme!“ Es kann nicht wahr sein, dass nach Jahrzehnten solider akademischer Forschung seit Piaget dieses Wissen immer noch weitgehend ungenutzt brach liegt. Nimmt man die anderen Elemente hinzu, dann entfaltet sich hier ein überaus kraftvolles neues Paradigma – eine Theorie und eine Praxis, die die Art wie wir miteinander leben und arbeiten revolutioniert.

Leider geschieht das nicht – oder nur sehr zögerlich. Die spirituelle Allergie im unteren linken Quadranten, im kollektiven Diskurs, ist noch zu stark. Die jahrhundertelangen Misstritte der Kirche und das Hitler-Guru-Trauma haben uns mit reichlich Antikörpern gegen jegliche Form von Transzendenz gesegnet. Diesen Umständen sollten wir „Integralisten“ Rechnung tragen, indem wir nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen bei der Darstellung unseres integralen Anliegens. Vielleicht reicht in den meisten Fällen eine „Theorie von FAST Allem“. Wir müssen ja nicht unbedingt gleich "mit spiritueller Intelligenz" die "Welt retten"...

22. Juli 2009

Video vom Vortrag : "Zustände des Bewusstseins aus integraler Sicht"

Das Video des 3. Teils meiner Vortragsreihe über Ken Wilber ist nun auf dem Satsang-Video Portal www.jetzt-tv.net erschienen. Vielen Dank an Susanne Hahn von Jetzt-TV und alle diskutierfreudigen Teilnehmer.

Zum Betrachten der Video-Serie auf das Bild klicken:

16. Juli 2009

Wilber als "umstrittener Star" auf dem Titelblatt

Die kritische christliche Zeitschrift "Publik-Forum" widmet den Schwerpunkt ihrer Juli Ausgabe (Nr.13) dem Thema "Ken Wilber und die integrale Spiritualität".

In dem gelungenen Artikel "Erleuchtung mit Halbwertszeit" stellt Redakteur Stephan Cezanne die Person Ken Wilber und seine Arbeit überblicksartig und wohlwollend dar. Es folgt ein Gespräch zwischen den IF-Vorständen Hilde Weckmann und Sonja Student ("Eine neue Sicht der Welt"), in welchem sie illustrieren, welchen Einfluss die Begegnung mit dem Integralen Ansatz auf ihr Leben hat. Neben einer kleinen Skizze der integralen Szene kommt auch Wilber selbst zu Wort: in einem Auszug aus dem neuen Buch "Integrale Spiritualität" erläutert die Anwendungsmöglichkeiten von AQAL im Feld der Medizin .

Da redlicher Journalismus auch stets um Kontra-Positionen bemüht ist, findet der Themenblock mit einem Artikel von Stephan Cezanne und Hartmut Meesmann unter der Überschrift "Vermessener Anspruch" folgerichtig einen kritischen Abschluss. Hier wird vor allem das Bestreben nach einer 'Theorie von Allem' als "unmenschlich" und "vermessen" dargestellt, sowie auch Wilbers Austausch mit Andrew Cohen negativ kommentiert. Vielfach wird dabei Michael Utsch zitiert, dessen Wilber-Rezeption leider offensichtlich in vielen Punkten unvollständig ist und dessen Kritik daher für Kenner des Modells ins Leere greift. ("aUtsch, Michael!")

Unter dem Strich ist die aktuelle Ausgabe von Publik-Forum erfreulich, zeigt sie doch, dass Integrale Themen nun nach und nach Gehör und Verbreitung finden. Die Auflage der christlichen Zeitschrift liegt immerhin bei 47.000 Exemplaren.

Ein Interview von Stephan Cezanne mit Michael Habecker, das ursprünglich für diese Ausgabe vorgesehen war, wird in Kürze im IF-Lesesaal erscheinen. Es trägt den Titel "Keinen metaphysischen Bruch heben".

Hier ein Überblick über die Ausgabe von Publik-Forum:
http://www.publik-forum.de/ausgabenarchiv/?ausgabe=200913

UPDATE: Hier ist, wie Dr. Jens Heisterkamp, Chefredakteur von Info3 den aktuellen Schwerpunkt von "Publik-Forum"auf dem info3 Blog kommentiert:

http://www.info3.de/wordpressnews/?p=192


6. Juli 2009

Des Koans Lösung...


... bist DU!

Koans sind "Upayas" oder "hilfreiche Mittel", die in der Traditon des Zen, vornehmlich in der Rinzai-Schule benutzt werden, um den Schüler zu einer nicht-dualistische Verwirklichung zu verhelfen. Beispiele sind "Der Klang der Einen Hand" (im Gegensatz zu zwei Händen) oder das Koan "Mu!" - die Antwort auf die Frage, die Meister Joshu einem Schüler gibt, der ihm die Frage gestellt hat, ob denn auch ein Hund die Buddha-Natur hat. "MU!" [energisch]

Verwirrt? Richtig, das ist der Sinn der Übung. Der analysierende Verstand wird an seine Grenzen geführt. Im Kloster-Setting tragen die Schüler dann ihr Koan mit sich herum und werden täglich mehrmals zum Interview mit dem Meister gebeten, wo sie ihr Verständnis demonstrieren sollen. Das produziert dann den Druck und die Anspannung, um die Schale des Egos schließlich - wenn auch kurz - in der Lösung aufbrechen zu lassen.

Zu lösen hat man nur eines: sich selber. Die Integrale Theorie gibt uns schöne Kategorien an die Hand, um zu erklären, was da vor sich geht. Den Universal-Schlüssel für Koan-Lösungen, oder zumindest den entscheidenden Schritt bietet folgende Formel:
Gehe von der 3. Person zur 1. Person Perspektive.

Die 3. Person-Perspektive ist hilfreich, um die Welt zu beschreiben, zu analysieren, zu kategorisieren. Genau das, was jetzt in diesem Blog-Posting in Bezug auf die Koan-Arbeit im Zen geschieht. Wir beschreiben von außen, gewissermassen aus der Distanz, wie der Sachverhalt aussieht. Aus der Entfernung erkennt man Muster, die man aus der Nähe nicht sehen kann.

Die 1. Person Perspektive ist unmittelbar teilnehmend und distanzlos. Sie ist gelebtes Sein, unbeschreiblich ohne die korrespondierende Erfahrung. Wie erklärt man den Geschmack von Erdbeerkuchen? Nun, am hilfreichsten ist es hineinzubeissen und selber zu probieren. Die 1. Person Erfahrung ist subjektiv und direkt zugänglich - wenn man denn den Sprung vom Beckenrand des analytischen Denkens in den Pool des Seins mal gewagt hat.

Die Empfehlung lautet also: Spring rein in die 1. Person Erfahrung dessen, worum es in dem Koan geht. Wenn sich also in der Koan-Geschichte jemand mit dem Hammer auf den Finger haut, analysier nicht die Bedeutung des Schmerzes vor dem Hintergrund der buddhistischen Kosmologie und der Lehre von der Vergänglichkeit aller relativen Erscheinungen, sondern SCHREI laut "AUUAAAAA!!!" Raus aus der Birne, rein ins Leben - oder: raus aus dem 3. Person-Modus, rein in den 1.Person Modus.

Am Anfang kommt man sich dabei vor wie ein Pantomime oder ein Schauspieler. Und das ist nicht schlimm. "Fake it until you make it" [Täusche es vor, bis du es schaffst], wie Genpo Roshi sagen würde. Du spielst einfach Buddha, bis das friedvolle Lächeln sich in deine Gesichtszüge eingegraben hat. Wenn wir das äußerliche Verhalten eines Erwachten nachmachen, dann kann das Innerlich auf lange Sicht gar nicht anders, als diesem Trend zu folgen. Man kann ja mal in schwierigen Alltags-Situationen seine immanente Weisheit aktivieren, indem man sich fragt: "Was würde wohl Jesus, Buddha oder Sokrates in dieser Situation tun?" Und dann spielst du einfach die Antwort, die dir kommt und schaust - im Psychologen-Slang ausgedrückt - "was das jetzt mit dir macht". Denk jetzt nicht darüber nach, sondern setze es um.

Wir kennen das ja auch aus der Autosuggestion bei Entspannungsverfahren. Man sagt sich, dass der Arm jetzt "ganz schwer wird" und dann ist das so: Der Arm wird schwer.

Eine andere Weise es auszudrücken beginnt mit "ICH BIN". "ICH BIN" ist reine 1. Person und alles, was man konsistent und ausdauernd hinten dranhängt wird irgendwann zur geronnenen Erfahrung.

Normales Denken geht so: "Wie komme ich dahin, wo ich hin will?" Wir kennen es aus verschiedenen Eso-Klischees, aber es trägt einen Kern der Wahrheit: dieses Denken trennt dich von den Ergebnissen ab, die du dir wünschst. Es setzt immer schon eine Getrenntheit vom Ziel voraus, die es zu überwinden gilt. Dadurch schiebst du das Ziel weg. Du sagst dem Universum "ICH BIN jemand der sich XYZ wünscht" und das Universum sagt "ja, bitteschön - hier hast du die Erfahrung". Deswegen ist es eine Garantie für Frustration "Erleuchtung" in dieser Weise als Objekt da draußen zu suchen.

Du musst am Ziel beginnen. Das Ziel ist Sein , "ICH BIN", 1. Person Erfahrung. Wenn du Reichtum wünscht, musst du zunächst kapieren, dass du bereits reich bist. Halt, falsch. Es geht nicht darum, es zu kapieren (3.Person), sondern es zu erfahren (1.Person). Wenn du erfährst, dass du bereits reich BIST, wozu solltest du noch rumrennen und dem Objekt deiner Begierde nachjagen? Du könntest einfach in dem Reichtum ruhen, der du BIST. "Ich bin reich". Sage es einmal innerlich zu dir.

Wenn du Schwierigkeiten damit hast, frage dich einfach, wofür du in deinem Leben dankbar sein kannst. Ich garantiere dir: du bist Rockefeller persönlich.

"ICH BIN" ist eine kraftvolle Formel, ob jetzt zur Lösung von Zen-Koans oder von Lebens-Koans im Allgemeinen. Egal, was es ist, wonach du innerlich schreist - tu mal so als wärst du es bereits ("Ich bin XYZ")und öffne dich dann der Erfahrung dessen.

Man kann nun platt ergänzen "...Multimillionär", augenblicklich seinen Kontostand überprüfen und die Übung dann abbrechen.

Zum Glück funktioniert sie einwandfrei in Bezug auf das höchste und edelste Objekt menschlichen Strebens und Trachtens: "Erleuchtung" "Befreiung", "Verwirklichung", "Erwachen", oder wie auch immer man es nennen mag.

Du, bzw. "je ich" b/ist:
LIEBE
DANKBARKEIT
DEMUT
WEISHEIT
DAS ALPHA UND DAS OMEGA
NIRVANA
DAS HIMMELREICH GOTTES
DER EWIGE FRIEDEN
DAS KLARE LICHT DES GEISTES
...

Die Meister aller Zeiten erklären uns mit großmütterlicher Geduld, dass wir das niemals erreichen können- aus gutem Grund: du bist es bereits. Du kannst deine Füße nicht erreichen - du hast schon welche. Spring einfach in die erste Person und erfahre es. "ICH BIN" hilft dir dabei. ICH BIN ist Schöpfung pur und du bist nach dem Angesicht des Schöpfers gebaut. Nimm es ernst. Nimm DICH ernst.

KAFKA: "Was wir Weg nennen ist bloß Zögern" - Es gibt keinen Scheiß Weg! Kapier es, du Zaunpfahl!

Auch Douglas Harding hatte diese großmütterliche Geduld. Er hat den Leuten unmittelbar gezeigt, wie sie Experimenten ihre formlose 1.Person-Natur direkt sehen können. Er nannte es den "Weg der Kopflosigkeit", weil das direkte Sehen, dass du in diesem Augenblick keinen Kopf dort hast (aus der 1. Person) wo andere ihn sehen (aus der 3. Person). Viel spannender als die Kopflosigkeit ist, dass du, wenn du die Aufmerksamkeit an diesem Punkt nach innen wendest, sehen kannst, dass DU der Raum bist, in dem alle Dinge entstehen und vergehen.

DU bewegst dich nicht - die Welt bewegt sich. Du bist die Leinwand des Kinos auf dem der Film deiner Persönlichkeit abläuft. Du bekommst eine neue Option: du kannst dich weiter mit dem vergänglichen 3. Person Objekt dort drüben im Spiegel identifizieren (und leiden) oder du kannst dich zu deiner wahren Natur als (ungeborene) 1. Person HIER bekennen. Du kannst es nicht langsam analysieren und nach und nach kapieren, sondern nur unmittelbar direkt erfahren. Mach die Experimente und schau nach!

Des Rätsels Lösung ... bist DU!

MU!

28. Juni 2009

Sandmenschen

Wir Menschen sind aus Sand gemacht
und klopfen an die Wände der Sanduhr.

Korn um Korn rinnt unser Leben davon
unaufhaltsam dem Tode entgegen.

Wir bestehen aus Sand, wie alles andere.
Wir rieseln
Sekunde für Sekunde
Minute für Minute
Stunde für Stunde
Tag um Tag
Woche um Woche
Jahr um Jahr.

Unser Sand rieselt dahin, dem Loch entgegen.
Alles was wir berühren können besteht aus Sand.
Wer lauscht hört das Rieseln in Allem.

Das ist unendlich traurig.
Die Sandkörner sind verklebt durch Tränen.

Am Ende fällt alles durch dasselbe Loch.

Wir reichen uns die Hand aus Sand
und zerrieseln in Eins.

Mögen wir alle am selben Strand landen,
wo die Wellen der Ewigkeit
sich in der sanften Brandung brechen
unaufhörlich, von jetzt zu jetzt.

26.06.2009


2. April 2009

Terry Patten erstmalig in Deutschland !

Bad news: die Mai-Tagung des IF in Bremen ist schon ausgebucht.
Good news: einen der Top-Referenten der Tagung kann man auch woanders noch sehen

Ende April wird Terry Patten, Trainer des Integral Institute (von Ken Wilber) und Co-Autor des Buches "Integral Life Practice" erstmalig in Deutschland sein. DIA- Die Integrale Akademie hat anläßlich seines Besuchs eine Vortragsreihe in fünf Städten organisiert.
In Frankfurt (24.04.),
Köln (27.04.),
Basel/Dornach (29.04.),
Tübingen (30.04.)
und Bremen (01.05.Tagung des IF + DIA)
wird er über "Integrale Lebenspraxis" (ILP) sprechen.

Zudem veranstaltet DIA vom 25.-26.04. in Frankfurt mit Terry ein Seminar:

"Das Integrale Herz" mit Terry Patten (I-I)
Essenzielle Praktiken der drei Gesichter Gottes zur Erweckung von Weisheit und Mitgefühl



Erfahre wie Ken Wilbers brillante "Theorie von Allem" praktisch gelebt werden kann - mit Gefühl und Herz in vollständig verkörperter Menschlichkeit. Dieses Seminar wird Dir helfen die "neue Welle" des Integralen Bewusstseins, die beginnt unsere Welt zu verändern, zu verstehen und - weitaus wichtiger - zu erfahren. Und es wird Dir zeigen, wie man dieses Integrale Bewusstsein praktiziert - um Deinem höchsten Gewahrsein zu erlauben lebendig zu werden als Du.

Dieses Seminar richtet sich sowohl an Anfänger als auch an ernsthafte Langzeit-Praktizierende. Es ist dafür geschaffen ein klärender Neuanfang zu sein - eine Gelegenheit, um tatsächlich die Gänge in eine höhere Oktave des Bewusstseins, der Lebendigkeit, der Effektivität und der Hingabe zu schalten, und das alles auf eine geerdete und nachhaltige Weise. ...mehr lesen

14. März 2009

Spiral Dynamics Vortrag auf Jetzt-TV.net

Der 2. Vortrag aus meiner Ken Wilber Vortragsreihe "Spiral Dynamics: Ebenen des Bewusstseins" ist nun auf der Internet-Seite von Jetzt-TV in fünf Teilen veröffentlicht worden. Zum Schauen der Videos klickt einfach auf das Bild oben. Viel Spass.

30. Januar 2009

Ken Wilber über Barack Obama


"Es hat wahrscheinlich seit John F. Kennedy nicht mehr soviel wilden Enthusiasmus in Verbindung mit der Wahl eines Präsidenten gegeben wie, das was jetzt mit Obama passiert. In der integralen Community wird das natürlicherweise in die Frage übersetzt „Ist Obama integral?“

Ich habe mich bis jetzt zurückgehalten mit der Beantwortung dieser Frage, weil ich mich erstens nicht in aktive Politik einmischen wollte (weil es bis jetzt noch keine Integrale Politik gibt), und zweitens (und das erstere überwiegend) glaube ich nicht, dass wir genügend glaubwürdige Informationen vorliegen haben, um das zu entscheiden. Man beachte, dass eine große Überwachungsorganisation Obama als einen der zwei liberalsten Senatoren im Kongress eingeschätzt hat –wohl kaum ein Erkennungszeichen integraler Inklusivität.

Und doch hat Obama, insbesondere mit dem Fortschreiten der Kampagne, zunehmend integral klingende Äußerungen von sich gegeben. In der Tat, eine integrale Analyse seiner Antrittsrede von Corey deVos und Clint Fuhs offenbarte einen hohen Prozentsatz von integral-umfassender Sprache und Ideen (insbesondere im Vergleich zu den anderen Kandidaten). Es scheint in der Tat so, dass Obama irgendwann während der Kampagne selbst von Ende grün (die pluralistische Stufe der Entwicklung mit ihrem inhärent hohem Liberalismus) zu Anfang petrol-farbener Stufen ( die ersten integralen Stufen der Entwicklung mit inhärent integral-orientierten politischen Standpunkten) gegangen ist. Nach und nach schienen seine Sprache und seine Wertesysteme sich zu verändern, direkt vor unseren Augen, in integrale Welträume.

Es ist natürlich immer noch zu früh, um ein solides Urteil darüber zu fällen, doch es scheint sicher zu sagen, dass Barack Obama sich wahrscheinlich in Richtung wahrhaft integraler Wellen der Entwicklung bewegt und daher anfängt wahrhaft integrale Werte und Positionen zu zeigen. Das zusammen mit seinen bereits bemerkenswert entwickelten Zuständen (die seinem Wesen eine sehr wahrnehmbare Strahlkraft und Präsenz verleihen) bedeutet, dass wir möglicherweise, auf alle Fälle das erste mal in diesem Jahrhundert, einen wahrhaft integral-orientierten Präsident der Vereinigten Staaten sehen werden. In diesem Klima der Möglichkeiten herrscht der intensive Idealismus und das Gefühl des Versprechens, das dieser neue Präsident mit sich bringt: die Hoffnung und das Versprechen , dass ein neues Morgen wirklich möglich ist, und es jetzt beginnt, in diesem Augenblick. Wenn das so ist, ist es in der Tat ein wirklich historischer Moment, an dem das integrale Bewusstsein wirklich herabgekommen ist in und durch die Stimme und die Vision der mächtigsten Person des Planeten. Wir sind wirklich dabei in das Integrale Zeitalter einzutreten, und Barack Obama’s Stimme ist vielleicht die bemerkenswerteste und wichtigste integrale Stimme in der politischen Arena. Wie können wir das sicher wissen? Bleiben Sie dran! "

29.01.2009, Quelle: Ken Wilbers Blog
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25. Januar 2009

Leading Edge Organisation mit Holacracy

Für die deutsche Holacracy-Interessenschar gibt es zwei wichtige Neuigkeiten:

Zum einen, dass Brian Robertson und Tom Thomison im März wieder in Deutschland sein werden, um für DIA einen zweitägigen Intensiv-Workshop in Bremen abzuhalten. Wer mehr erfahren will klicke einfach auf das Bild links.

Zum anderen ist erwähnenswert, dass es nun eine aktuelle deutsche Übersetzung der bisher umfassendsten Beschreibung der Praktiken von Holacracy gibt (30 Seiten): "Leading Edge Organisation" von Brian Robertson. Dieser Artikel, den ich selber übersetzt habe, umfasst auch die Entwicklungen der Phase "E2" (evolution 2) von Holacracy. Zum Download -->hier<-- klicken.

Wer obendrein noch einen 52 minütigen "Evolution Call" (mit Tom Steininger und Kathrin Karneth von EnlightenNext), d.h. ein Telefon-Interview mit meiner Wenigkeit über Holacracy hören möchte klicke -->hier<--.

24. Januar 2009

Jean Gebser über das integrale Bewusstsein (1949)


"Das neue Bewußtsein, das, sich selber vorausnehmend, in den schöpferischen Gestaltungen der Künstler, Denker und Wissenschaftler zuerst Kontur gewonnen hat, wird nicht vollgültig, solange es nicht im Alltag gelebt wird. In welcher Form kann das geschehen? Es wird, naturnotwendigerweise, von sich aus geschehen. Aber die Wirrnis der heutigen Situation erfordert eine gewisse Bereitschaft, Aufgeschlossenheit und Mitarbeit von jedem einzelnen.
Es wird von sich aus geschehen, da sich die Struktur der neuen Realisationsweise bereits in den verschiedensten Bereichen unseres Lebens mit einer nicht mehr wegzuleugnenden Intensität zu manifestieren begonnen hat. Ein jeder aber kann durch seine Haltung und Handlungsweise dazu beitragen, daß sich der Konsolidierungsprozeß ohne den Umweg über eine mögliche Katastrophe vollzieht. […]

Gleichermaßen evident ist es, daß zur gegebenen Zeit die neue Struktur auch für die Allgemeinheit bewußtseinskräftig werden muß. Die Grundlagen unserer Denkweisen sind bereits durch Tatsachen verändert, umstrukturiert. Dieser Umstrukturierung kann sich auf die Dauer niemand entziehen. Unmerklich und selbstverständlich wird die neue Bewußtseinsstruktur für jeden Gültigkeit erhalten. Und jene, die sie nicht annehmen, die in der alten verharren wollen, werden durch die neue Kraft im Verlauf der nächsten Generationen weitgehend ausgeschaltet werden. […]

Um so deutlicher wird die Notwendigkeit, die falsche Form des Einbruches der Zeit, wie sie in Motorisierung, Jagd nach wertlosen »Gütern« und ähnlichem zum Ausdruck kommt, zu überwinden. Diese Umwelt, Fabrik und Büro, haben wir selber geschaffen, diese Formlosigkeit der Leere haben wir uns von der leeren Motorik aufzwingen lassen. Sie wird sich in dem Maße ändern, als wir fähig sind, das zu realisieren, was uns aufgetragen ist. Dies vorzubereiten, bleibt einem jeden Muße und Muß. Zwischen Lohnarbeit und Schlafzeit liegen viele täg-liche Stunden. Wer sie zu nützen weiß, wird sie nützen. Aber nicht indem er sich »Bildung« anlernt, sich »Wissen« anliest, sondern indem er diese Stunden nicht nur zweckmäßig, sondern sinnvoll, Tag für Tag, zu leben versucht. Was heute »Freizeit« genannt wird, sollte nicht freizeitlich vergeudet werden, sondern uns »zeitfrei« machen. […]

Die Wirrnis im Leben des einzelnen unserer Tage, seine Unerfülltheit in der Arbeit, seine Isoliertheit in der Masse, seine Ohnmacht gegenüber dem Leerlauf der anonymen Mächte, seien diese Maschinen oder Bürokratie, seine Unsicherheit und Unfreiheit sind nur Spiegel der allgemeinen Situation. Die Unhaltbarkeit dieser Situation ist genau so offensichtlich wie die Anzeichen, daß sie überwunden werden wird. Was im Großen für das Allgemeine gilt, gilt aber auch im Kleinen für den einzelnen. Die Neustrukturierung der gesamten Wirklichkeit hat bereits eingesetzt. Es wird von uns abhängen, ob der endgültige Durchbruch zu ihr, ob ihre Konsolidierung sich mit unserer Hilfe oder gegen unsere Uneinsichtigkeit vollzieht.

Jede Wirrnis, die ein jeder von uns in seinem täglichen Leben und Handeln zu klären versucht und vermag, jedes Auffangen der Angst, jedes Gran Sicherheit, das er sich erarbeitet, jede Distanzierung – selbst die geringste –, die er zu sich selber gewinnt, jedes Vorurteil und jedes Ressentiment, die abzulegen er fähig ist, sind notwendige Leistungen, welche die neue Wirklichkeit festigen und ihm und der Allgemeinheit Sinnfülle eintragen werden. Ein jeder ist frei, es zu leisten."

Jean Gebser: Ursprung und Gegenwart, Band 2, S. 672f, 675f

16. Januar 2009

Obama integral? - "Yes, he Ken!"

Amerika hat gewählt - der neue Präsident der USA heißt Barack Obama. Von vielen kaum für möglich gehalten und nun doch Realität - der erste Afro-Amerikaner, der an der Spitze der Weltmacht steht. Obama traf den richtigen Ton - für dutzende Typen von Wählern: schwarz, weiß, jung, alt, homo und hetero, für konservative und liberale, quer durch alle Schichten.

Die Art und Weise, wie es Obama gelungen ist, sehr diverse Arten von Menschen für sein Projekt "Hoffnung und Wandel" hinter sich zu vereinen, ließ in integralen Kreisen vielfach die Vermutung aufkommen, dass Obama von seinem eigenen Schwerpunkt der Selbst-Entwicklung her von einer integralen Perspektive aus spricht. Wem es gelingt, auf solch geschickte Weise und vor allem derart authentisch Menschen jeder Ebene des Bewusstseins zu berühren, muss dieses Niveau der Entwicklung implizit gemeistert haben.

So ist es nun auch nicht erstaunlich, dass sich die Hinweise verdichten, dass Obama nicht nur 'integral entwickelt', sondern zudem auch 'integral informiert' ist. Hier nun einige Indizien, teilweise basierend auf Hörensagen.

Indiz #1: Von Don Beck heißt es, er habe auf einem seiner letzten Spiral-Dynamics-Trainings entgegen seiner Gewohnheit während des Unterrichts sein Mobiltelefon beantwortet. Eigenen Aussagen zufolge stand er in enger Kommunikaton mit Obamas Wahlkampfteam. Das wäre eine Erklärung für Obamas gelungene Kommunikation mit allen Ebenen.

Indiz #2: Auf einer Wahlkampfveranstaltung in Utah ist ein Foto entstanden, das Obama mit einer Ausgabe von Genpo Roshis Buch "Big Mind - Big Heart" zeigt. Es ist nicht auszuschließen, dass er darin gelesen hat. Link zum Foto.

Indiz #3: Bei den Demokraten tut sich was. Al Gore ist bekennender Fan von Wilbers Arbeiten. Bill Clinton ist schon lange dafür bekannt, dass er Wilber auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos öffentlich zitiert hat. Seine Frau Hillary, angehende Außenministerin in Obamas Kabinett, wird sich den Ansichten ihres Gatten wohl nicht versperren. Viele einflussreiche Demokraten sind auf dem Sprung zu Second-Tier.

Indiz #4: Obama selber zitiert bei einem Fundraising Dinner Ken Wilber (Quelle: Info3-Artikel von Wolfgang Schmidt-Reinecke, Ausg.1, Januar 2009)

Fazit: Obama integral? - "Yes, he Ken!"