24. Juli 2009

Das Hochland-Dilemma



Integrale Theorie und Spiritueller Reduktionismus

von Dennis Wittrock

Das Geräusch kratzender Fingernägel an einer Tafel. So ähnlich zog sich in mir innerlich etwas zusammen, als ich das erste Mal den Untertitel der deutschen Übersetzung von „Integral Spirituality“ erblickte. Im Original heisst der Untertitel „Eine überraschende neue Rolle für Religion in der Modernen und Postmodernen Welt“ Stattdessen: „Spirituelle Intelligenz rettet die Welt“. Ok, Wilber formuliert manchmal selber etwas pathetisch, und Verlage müssen Bücher an ihre Zielgruppen verkaufen – aber das ging mir einen Schritt zu weit. Dann der nächste Streich mit der deutschen Version von „The Integral Vision“. Hier lautet der Untertitel „Eine kurze Geschichte der integralen Spiritualität.“ Wieder das gleiche Muster: Spiritualität steht stellvertretend für das, worum es in der integralen Theorie von Ken Wilber geht.

In seinem Buch „Eros, Kosmos, Logos“ (zur Abwechslung mal eine gelungene Titelübertragung) prägt Wilber erstmals den Begriff „Flachland“. Das bezeichnet eine Weltsicht in der Innerlichkeit, Sinn, Tiefe - und somit auch Spiritualität – keinen Platz haben und in der das Universum auf das zufällige Durcheinander von Materie, bzw. „verspielten Schmutz“ reduziert wird. Die „Flachland-Welt“ ist quasi zweidimensional und eine sie durchquerende Kugel wird darin nur als Kreis ohne Tiefe wahrgenommen.

In Bezug auf die Integrale Theorie spielt sich momentan das genaue Spiegelbild dessen ab. Mit einer integralen Brille überwinden wir zwar die Flachland-Sicht, doch manövrieren uns dadurch in das, was ich als das „Hochland-Dilemma“ bezeichnen möchte: die Reduktion der integralen Weltsicht auf Spiritualität und Religion. Da sitzen wir nun auf dem Gipfel der Weisheit und haben endlich den Durchblick in Bezug auf Zustände und Strukturen und schwelgen in den drei Gesichtern Gottes – doch die Welt interessiert das nach wie vor nicht. Auf dem Gipfel der integralen Erkenntnis ist es verdammt einsam und wir erleben hautnah, dass „größere Tiefe [oder hier: Höhe] geringere Spanne“ bedeutet.

Es ist wahr: es gibt wohl kaum eine ausgefeiltere Analyse und Darstellung des Terrains unseres höchsten Selbst, als die Landkarten, die uns Ken Wilber zusammengestellt hat. Es ist wahrhaft der Plan, der uns den Ausbruch aus dem Gefängnis des Samsara ermöglichen kann. Doch es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass gerade die Stärke von Wibers Arbeit auf dem Feld der Spiritualität sich in der Anwendung seiner restlichen Theorie in der Welt als seine größte Schwäche entpuppt.

Wer wie ich versucht hat in der akademischen Welt für den Integralen Ansatz zu werben, weiß wie groß die Vorbehalte in Bezug auf Wilbers starke Auseinandersetzung mit dem Thema „Spiritualität“ sind. Ruck-zuck landet man in der Esoterik-Ecke neben Räucherstäbchen, Feng Shui, „OM“-summenden Spinnern, Tarot-Karten und natürlich Scientology. Da steht man nun mit seinem philosophisch ausgefeiltem Avant-Garde Modell eines „integralem methodologischen Pluralismus“ und erntet die mitleidigen Blicke. Das Hochland-Dilemma ist lediglich die Kehrseite des allgemeinen öffentlichen Flachland-Diskurses, dem dringend die Unterscheidung von prä- und trans fehlt.

In meiner Philosophie-Magisterarbeit habe ich die Formen multi-, inter-, und trans-disziplinärer Kooperationen untersucht. Dabei ist mir ein eklatanter Mangel und ein expliziter Bedarf an übergeordneten Modellen wie Wilbers IMP aufgefallen. Man könnte in diesen Forschergruppen soviel mehr Klarheit darüber schaffen, welche Disziplin welche spezifische Perspektive beiträgt und wie sie alle zusammen passen. So bin ich denn in meiner Darstellung dem Rat eines Freundes gefolgt und habe eine „Theorie von FAST Allem“ anstelle einer „Theorie von Allem“ referiert. Ich habe sehr selektiv zitiert und das Thema „Spiritualität“ weitestgehend ausgeklammert. Im tibetischen Buddhismus nennt man das wohl „Upaya“ – die Anwendung geschickter Mittel.

Wer Wilbers Ordnungskategorien Quadranten, Ebenen, Linien und Typen kennt, der weiß, dass spirituelle Zustände nur ein Bruchteil dessen sind, bei dem uns die integrale Theorie wertvolle Orientierungshilfen geben kann. Wilber sagt zurecht, dass - egal mit welcher dieser fünf Ordnungskategorien man sich nun gerade beschäftigt – jede als die Wichtigste erscheint. John Dupuy beschreibt, dass alleine die Anwendung der vier Quadranten einen Quantensprung für das Feld der Suchtgenesung bedeutet. Das gleiche gilt in Bezug auf integrale Ansätze in Medizin, Ökologie, Politik, usw.

Oder Ebenen für sich genommen – hier ist mein Stoßgebet gen Himmel: „ Oh Herr, steh uns bei und verhilf dem Wissen um Stufen der kognitiven und Werte-Entwicklung zur gebührenden öffentlichen Kenntnisnahme!“ Es kann nicht wahr sein, dass nach Jahrzehnten solider akademischer Forschung seit Piaget dieses Wissen immer noch weitgehend ungenutzt brach liegt. Nimmt man die anderen Elemente hinzu, dann entfaltet sich hier ein überaus kraftvolles neues Paradigma – eine Theorie und eine Praxis, die die Art wie wir miteinander leben und arbeiten revolutioniert.

Leider geschieht das nicht – oder nur sehr zögerlich. Die spirituelle Allergie im unteren linken Quadranten, im kollektiven Diskurs, ist noch zu stark. Die jahrhundertelangen Misstritte der Kirche und das Hitler-Guru-Trauma haben uns mit reichlich Antikörpern gegen jegliche Form von Transzendenz gesegnet. Diesen Umständen sollten wir „Integralisten“ Rechnung tragen, indem wir nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen bei der Darstellung unseres integralen Anliegens. Vielleicht reicht in den meisten Fällen eine „Theorie von FAST Allem“. Wir müssen ja nicht unbedingt gleich "mit spiritueller Intelligenz" die "Welt retten"...

22. Juli 2009

Video vom Vortrag : "Zustände des Bewusstseins aus integraler Sicht"

Das Video des 3. Teils meiner Vortragsreihe über Ken Wilber ist nun auf dem Satsang-Video Portal www.jetzt-tv.net erschienen. Vielen Dank an Susanne Hahn von Jetzt-TV und alle diskutierfreudigen Teilnehmer.

Zum Betrachten der Video-Serie auf das Bild klicken:

16. Juli 2009

Wilber als "umstrittener Star" auf dem Titelblatt

Die kritische christliche Zeitschrift "Publik-Forum" widmet den Schwerpunkt ihrer Juli Ausgabe (Nr.13) dem Thema "Ken Wilber und die integrale Spiritualität".

In dem gelungenen Artikel "Erleuchtung mit Halbwertszeit" stellt Redakteur Stephan Cezanne die Person Ken Wilber und seine Arbeit überblicksartig und wohlwollend dar. Es folgt ein Gespräch zwischen den IF-Vorständen Hilde Weckmann und Sonja Student ("Eine neue Sicht der Welt"), in welchem sie illustrieren, welchen Einfluss die Begegnung mit dem Integralen Ansatz auf ihr Leben hat. Neben einer kleinen Skizze der integralen Szene kommt auch Wilber selbst zu Wort: in einem Auszug aus dem neuen Buch "Integrale Spiritualität" erläutert die Anwendungsmöglichkeiten von AQAL im Feld der Medizin .

Da redlicher Journalismus auch stets um Kontra-Positionen bemüht ist, findet der Themenblock mit einem Artikel von Stephan Cezanne und Hartmut Meesmann unter der Überschrift "Vermessener Anspruch" folgerichtig einen kritischen Abschluss. Hier wird vor allem das Bestreben nach einer 'Theorie von Allem' als "unmenschlich" und "vermessen" dargestellt, sowie auch Wilbers Austausch mit Andrew Cohen negativ kommentiert. Vielfach wird dabei Michael Utsch zitiert, dessen Wilber-Rezeption leider offensichtlich in vielen Punkten unvollständig ist und dessen Kritik daher für Kenner des Modells ins Leere greift. ("aUtsch, Michael!")

Unter dem Strich ist die aktuelle Ausgabe von Publik-Forum erfreulich, zeigt sie doch, dass Integrale Themen nun nach und nach Gehör und Verbreitung finden. Die Auflage der christlichen Zeitschrift liegt immerhin bei 47.000 Exemplaren.

Ein Interview von Stephan Cezanne mit Michael Habecker, das ursprünglich für diese Ausgabe vorgesehen war, wird in Kürze im IF-Lesesaal erscheinen. Es trägt den Titel "Keinen metaphysischen Bruch heben".

Hier ein Überblick über die Ausgabe von Publik-Forum:
http://www.publik-forum.de/ausgabenarchiv/?ausgabe=200913

UPDATE: Hier ist, wie Dr. Jens Heisterkamp, Chefredakteur von Info3 den aktuellen Schwerpunkt von "Publik-Forum"auf dem info3 Blog kommentiert:

http://www.info3.de/wordpressnews/?p=192


6. Juli 2009

Des Koans Lösung...


... bist DU!

Koans sind "Upayas" oder "hilfreiche Mittel", die in der Traditon des Zen, vornehmlich in der Rinzai-Schule benutzt werden, um den Schüler zu einer nicht-dualistische Verwirklichung zu verhelfen. Beispiele sind "Der Klang der Einen Hand" (im Gegensatz zu zwei Händen) oder das Koan "Mu!" - die Antwort auf die Frage, die Meister Joshu einem Schüler gibt, der ihm die Frage gestellt hat, ob denn auch ein Hund die Buddha-Natur hat. "MU!" [energisch]

Verwirrt? Richtig, das ist der Sinn der Übung. Der analysierende Verstand wird an seine Grenzen geführt. Im Kloster-Setting tragen die Schüler dann ihr Koan mit sich herum und werden täglich mehrmals zum Interview mit dem Meister gebeten, wo sie ihr Verständnis demonstrieren sollen. Das produziert dann den Druck und die Anspannung, um die Schale des Egos schließlich - wenn auch kurz - in der Lösung aufbrechen zu lassen.

Zu lösen hat man nur eines: sich selber. Die Integrale Theorie gibt uns schöne Kategorien an die Hand, um zu erklären, was da vor sich geht. Den Universal-Schlüssel für Koan-Lösungen, oder zumindest den entscheidenden Schritt bietet folgende Formel:
Gehe von der 3. Person zur 1. Person Perspektive.

Die 3. Person-Perspektive ist hilfreich, um die Welt zu beschreiben, zu analysieren, zu kategorisieren. Genau das, was jetzt in diesem Blog-Posting in Bezug auf die Koan-Arbeit im Zen geschieht. Wir beschreiben von außen, gewissermassen aus der Distanz, wie der Sachverhalt aussieht. Aus der Entfernung erkennt man Muster, die man aus der Nähe nicht sehen kann.

Die 1. Person Perspektive ist unmittelbar teilnehmend und distanzlos. Sie ist gelebtes Sein, unbeschreiblich ohne die korrespondierende Erfahrung. Wie erklärt man den Geschmack von Erdbeerkuchen? Nun, am hilfreichsten ist es hineinzubeissen und selber zu probieren. Die 1. Person Erfahrung ist subjektiv und direkt zugänglich - wenn man denn den Sprung vom Beckenrand des analytischen Denkens in den Pool des Seins mal gewagt hat.

Die Empfehlung lautet also: Spring rein in die 1. Person Erfahrung dessen, worum es in dem Koan geht. Wenn sich also in der Koan-Geschichte jemand mit dem Hammer auf den Finger haut, analysier nicht die Bedeutung des Schmerzes vor dem Hintergrund der buddhistischen Kosmologie und der Lehre von der Vergänglichkeit aller relativen Erscheinungen, sondern SCHREI laut "AUUAAAAA!!!" Raus aus der Birne, rein ins Leben - oder: raus aus dem 3. Person-Modus, rein in den 1.Person Modus.

Am Anfang kommt man sich dabei vor wie ein Pantomime oder ein Schauspieler. Und das ist nicht schlimm. "Fake it until you make it" [Täusche es vor, bis du es schaffst], wie Genpo Roshi sagen würde. Du spielst einfach Buddha, bis das friedvolle Lächeln sich in deine Gesichtszüge eingegraben hat. Wenn wir das äußerliche Verhalten eines Erwachten nachmachen, dann kann das Innerlich auf lange Sicht gar nicht anders, als diesem Trend zu folgen. Man kann ja mal in schwierigen Alltags-Situationen seine immanente Weisheit aktivieren, indem man sich fragt: "Was würde wohl Jesus, Buddha oder Sokrates in dieser Situation tun?" Und dann spielst du einfach die Antwort, die dir kommt und schaust - im Psychologen-Slang ausgedrückt - "was das jetzt mit dir macht". Denk jetzt nicht darüber nach, sondern setze es um.

Wir kennen das ja auch aus der Autosuggestion bei Entspannungsverfahren. Man sagt sich, dass der Arm jetzt "ganz schwer wird" und dann ist das so: Der Arm wird schwer.

Eine andere Weise es auszudrücken beginnt mit "ICH BIN". "ICH BIN" ist reine 1. Person und alles, was man konsistent und ausdauernd hinten dranhängt wird irgendwann zur geronnenen Erfahrung.

Normales Denken geht so: "Wie komme ich dahin, wo ich hin will?" Wir kennen es aus verschiedenen Eso-Klischees, aber es trägt einen Kern der Wahrheit: dieses Denken trennt dich von den Ergebnissen ab, die du dir wünschst. Es setzt immer schon eine Getrenntheit vom Ziel voraus, die es zu überwinden gilt. Dadurch schiebst du das Ziel weg. Du sagst dem Universum "ICH BIN jemand der sich XYZ wünscht" und das Universum sagt "ja, bitteschön - hier hast du die Erfahrung". Deswegen ist es eine Garantie für Frustration "Erleuchtung" in dieser Weise als Objekt da draußen zu suchen.

Du musst am Ziel beginnen. Das Ziel ist Sein , "ICH BIN", 1. Person Erfahrung. Wenn du Reichtum wünscht, musst du zunächst kapieren, dass du bereits reich bist. Halt, falsch. Es geht nicht darum, es zu kapieren (3.Person), sondern es zu erfahren (1.Person). Wenn du erfährst, dass du bereits reich BIST, wozu solltest du noch rumrennen und dem Objekt deiner Begierde nachjagen? Du könntest einfach in dem Reichtum ruhen, der du BIST. "Ich bin reich". Sage es einmal innerlich zu dir.

Wenn du Schwierigkeiten damit hast, frage dich einfach, wofür du in deinem Leben dankbar sein kannst. Ich garantiere dir: du bist Rockefeller persönlich.

"ICH BIN" ist eine kraftvolle Formel, ob jetzt zur Lösung von Zen-Koans oder von Lebens-Koans im Allgemeinen. Egal, was es ist, wonach du innerlich schreist - tu mal so als wärst du es bereits ("Ich bin XYZ")und öffne dich dann der Erfahrung dessen.

Man kann nun platt ergänzen "...Multimillionär", augenblicklich seinen Kontostand überprüfen und die Übung dann abbrechen.

Zum Glück funktioniert sie einwandfrei in Bezug auf das höchste und edelste Objekt menschlichen Strebens und Trachtens: "Erleuchtung" "Befreiung", "Verwirklichung", "Erwachen", oder wie auch immer man es nennen mag.

Du, bzw. "je ich" b/ist:
LIEBE
DANKBARKEIT
DEMUT
WEISHEIT
DAS ALPHA UND DAS OMEGA
NIRVANA
DAS HIMMELREICH GOTTES
DER EWIGE FRIEDEN
DAS KLARE LICHT DES GEISTES
...

Die Meister aller Zeiten erklären uns mit großmütterlicher Geduld, dass wir das niemals erreichen können- aus gutem Grund: du bist es bereits. Du kannst deine Füße nicht erreichen - du hast schon welche. Spring einfach in die erste Person und erfahre es. "ICH BIN" hilft dir dabei. ICH BIN ist Schöpfung pur und du bist nach dem Angesicht des Schöpfers gebaut. Nimm es ernst. Nimm DICH ernst.

KAFKA: "Was wir Weg nennen ist bloß Zögern" - Es gibt keinen Scheiß Weg! Kapier es, du Zaunpfahl!

Auch Douglas Harding hatte diese großmütterliche Geduld. Er hat den Leuten unmittelbar gezeigt, wie sie Experimenten ihre formlose 1.Person-Natur direkt sehen können. Er nannte es den "Weg der Kopflosigkeit", weil das direkte Sehen, dass du in diesem Augenblick keinen Kopf dort hast (aus der 1. Person) wo andere ihn sehen (aus der 3. Person). Viel spannender als die Kopflosigkeit ist, dass du, wenn du die Aufmerksamkeit an diesem Punkt nach innen wendest, sehen kannst, dass DU der Raum bist, in dem alle Dinge entstehen und vergehen.

DU bewegst dich nicht - die Welt bewegt sich. Du bist die Leinwand des Kinos auf dem der Film deiner Persönlichkeit abläuft. Du bekommst eine neue Option: du kannst dich weiter mit dem vergänglichen 3. Person Objekt dort drüben im Spiegel identifizieren (und leiden) oder du kannst dich zu deiner wahren Natur als (ungeborene) 1. Person HIER bekennen. Du kannst es nicht langsam analysieren und nach und nach kapieren, sondern nur unmittelbar direkt erfahren. Mach die Experimente und schau nach!

Des Rätsels Lösung ... bist DU!

MU!