30. Januar 2009

Ken Wilber über Barack Obama


"Es hat wahrscheinlich seit John F. Kennedy nicht mehr soviel wilden Enthusiasmus in Verbindung mit der Wahl eines Präsidenten gegeben wie, das was jetzt mit Obama passiert. In der integralen Community wird das natürlicherweise in die Frage übersetzt „Ist Obama integral?“

Ich habe mich bis jetzt zurückgehalten mit der Beantwortung dieser Frage, weil ich mich erstens nicht in aktive Politik einmischen wollte (weil es bis jetzt noch keine Integrale Politik gibt), und zweitens (und das erstere überwiegend) glaube ich nicht, dass wir genügend glaubwürdige Informationen vorliegen haben, um das zu entscheiden. Man beachte, dass eine große Überwachungsorganisation Obama als einen der zwei liberalsten Senatoren im Kongress eingeschätzt hat –wohl kaum ein Erkennungszeichen integraler Inklusivität.

Und doch hat Obama, insbesondere mit dem Fortschreiten der Kampagne, zunehmend integral klingende Äußerungen von sich gegeben. In der Tat, eine integrale Analyse seiner Antrittsrede von Corey deVos und Clint Fuhs offenbarte einen hohen Prozentsatz von integral-umfassender Sprache und Ideen (insbesondere im Vergleich zu den anderen Kandidaten). Es scheint in der Tat so, dass Obama irgendwann während der Kampagne selbst von Ende grün (die pluralistische Stufe der Entwicklung mit ihrem inhärent hohem Liberalismus) zu Anfang petrol-farbener Stufen ( die ersten integralen Stufen der Entwicklung mit inhärent integral-orientierten politischen Standpunkten) gegangen ist. Nach und nach schienen seine Sprache und seine Wertesysteme sich zu verändern, direkt vor unseren Augen, in integrale Welträume.

Es ist natürlich immer noch zu früh, um ein solides Urteil darüber zu fällen, doch es scheint sicher zu sagen, dass Barack Obama sich wahrscheinlich in Richtung wahrhaft integraler Wellen der Entwicklung bewegt und daher anfängt wahrhaft integrale Werte und Positionen zu zeigen. Das zusammen mit seinen bereits bemerkenswert entwickelten Zuständen (die seinem Wesen eine sehr wahrnehmbare Strahlkraft und Präsenz verleihen) bedeutet, dass wir möglicherweise, auf alle Fälle das erste mal in diesem Jahrhundert, einen wahrhaft integral-orientierten Präsident der Vereinigten Staaten sehen werden. In diesem Klima der Möglichkeiten herrscht der intensive Idealismus und das Gefühl des Versprechens, das dieser neue Präsident mit sich bringt: die Hoffnung und das Versprechen , dass ein neues Morgen wirklich möglich ist, und es jetzt beginnt, in diesem Augenblick. Wenn das so ist, ist es in der Tat ein wirklich historischer Moment, an dem das integrale Bewusstsein wirklich herabgekommen ist in und durch die Stimme und die Vision der mächtigsten Person des Planeten. Wir sind wirklich dabei in das Integrale Zeitalter einzutreten, und Barack Obama’s Stimme ist vielleicht die bemerkenswerteste und wichtigste integrale Stimme in der politischen Arena. Wie können wir das sicher wissen? Bleiben Sie dran! "

29.01.2009, Quelle: Ken Wilbers Blog
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25. Januar 2009

Leading Edge Organisation mit Holacracy

Für die deutsche Holacracy-Interessenschar gibt es zwei wichtige Neuigkeiten:

Zum einen, dass Brian Robertson und Tom Thomison im März wieder in Deutschland sein werden, um für DIA einen zweitägigen Intensiv-Workshop in Bremen abzuhalten. Wer mehr erfahren will klicke einfach auf das Bild links.

Zum anderen ist erwähnenswert, dass es nun eine aktuelle deutsche Übersetzung der bisher umfassendsten Beschreibung der Praktiken von Holacracy gibt (30 Seiten): "Leading Edge Organisation" von Brian Robertson. Dieser Artikel, den ich selber übersetzt habe, umfasst auch die Entwicklungen der Phase "E2" (evolution 2) von Holacracy. Zum Download -->hier<-- klicken.

Wer obendrein noch einen 52 minütigen "Evolution Call" (mit Tom Steininger und Kathrin Karneth von EnlightenNext), d.h. ein Telefon-Interview mit meiner Wenigkeit über Holacracy hören möchte klicke -->hier<--.

24. Januar 2009

Jean Gebser über das integrale Bewusstsein (1949)


"Das neue Bewußtsein, das, sich selber vorausnehmend, in den schöpferischen Gestaltungen der Künstler, Denker und Wissenschaftler zuerst Kontur gewonnen hat, wird nicht vollgültig, solange es nicht im Alltag gelebt wird. In welcher Form kann das geschehen? Es wird, naturnotwendigerweise, von sich aus geschehen. Aber die Wirrnis der heutigen Situation erfordert eine gewisse Bereitschaft, Aufgeschlossenheit und Mitarbeit von jedem einzelnen.
Es wird von sich aus geschehen, da sich die Struktur der neuen Realisationsweise bereits in den verschiedensten Bereichen unseres Lebens mit einer nicht mehr wegzuleugnenden Intensität zu manifestieren begonnen hat. Ein jeder aber kann durch seine Haltung und Handlungsweise dazu beitragen, daß sich der Konsolidierungsprozeß ohne den Umweg über eine mögliche Katastrophe vollzieht. […]

Gleichermaßen evident ist es, daß zur gegebenen Zeit die neue Struktur auch für die Allgemeinheit bewußtseinskräftig werden muß. Die Grundlagen unserer Denkweisen sind bereits durch Tatsachen verändert, umstrukturiert. Dieser Umstrukturierung kann sich auf die Dauer niemand entziehen. Unmerklich und selbstverständlich wird die neue Bewußtseinsstruktur für jeden Gültigkeit erhalten. Und jene, die sie nicht annehmen, die in der alten verharren wollen, werden durch die neue Kraft im Verlauf der nächsten Generationen weitgehend ausgeschaltet werden. […]

Um so deutlicher wird die Notwendigkeit, die falsche Form des Einbruches der Zeit, wie sie in Motorisierung, Jagd nach wertlosen »Gütern« und ähnlichem zum Ausdruck kommt, zu überwinden. Diese Umwelt, Fabrik und Büro, haben wir selber geschaffen, diese Formlosigkeit der Leere haben wir uns von der leeren Motorik aufzwingen lassen. Sie wird sich in dem Maße ändern, als wir fähig sind, das zu realisieren, was uns aufgetragen ist. Dies vorzubereiten, bleibt einem jeden Muße und Muß. Zwischen Lohnarbeit und Schlafzeit liegen viele täg-liche Stunden. Wer sie zu nützen weiß, wird sie nützen. Aber nicht indem er sich »Bildung« anlernt, sich »Wissen« anliest, sondern indem er diese Stunden nicht nur zweckmäßig, sondern sinnvoll, Tag für Tag, zu leben versucht. Was heute »Freizeit« genannt wird, sollte nicht freizeitlich vergeudet werden, sondern uns »zeitfrei« machen. […]

Die Wirrnis im Leben des einzelnen unserer Tage, seine Unerfülltheit in der Arbeit, seine Isoliertheit in der Masse, seine Ohnmacht gegenüber dem Leerlauf der anonymen Mächte, seien diese Maschinen oder Bürokratie, seine Unsicherheit und Unfreiheit sind nur Spiegel der allgemeinen Situation. Die Unhaltbarkeit dieser Situation ist genau so offensichtlich wie die Anzeichen, daß sie überwunden werden wird. Was im Großen für das Allgemeine gilt, gilt aber auch im Kleinen für den einzelnen. Die Neustrukturierung der gesamten Wirklichkeit hat bereits eingesetzt. Es wird von uns abhängen, ob der endgültige Durchbruch zu ihr, ob ihre Konsolidierung sich mit unserer Hilfe oder gegen unsere Uneinsichtigkeit vollzieht.

Jede Wirrnis, die ein jeder von uns in seinem täglichen Leben und Handeln zu klären versucht und vermag, jedes Auffangen der Angst, jedes Gran Sicherheit, das er sich erarbeitet, jede Distanzierung – selbst die geringste –, die er zu sich selber gewinnt, jedes Vorurteil und jedes Ressentiment, die abzulegen er fähig ist, sind notwendige Leistungen, welche die neue Wirklichkeit festigen und ihm und der Allgemeinheit Sinnfülle eintragen werden. Ein jeder ist frei, es zu leisten."

Jean Gebser: Ursprung und Gegenwart, Band 2, S. 672f, 675f

16. Januar 2009

Obama integral? - "Yes, he Ken!"

Amerika hat gewählt - der neue Präsident der USA heißt Barack Obama. Von vielen kaum für möglich gehalten und nun doch Realität - der erste Afro-Amerikaner, der an der Spitze der Weltmacht steht. Obama traf den richtigen Ton - für dutzende Typen von Wählern: schwarz, weiß, jung, alt, homo und hetero, für konservative und liberale, quer durch alle Schichten.

Die Art und Weise, wie es Obama gelungen ist, sehr diverse Arten von Menschen für sein Projekt "Hoffnung und Wandel" hinter sich zu vereinen, ließ in integralen Kreisen vielfach die Vermutung aufkommen, dass Obama von seinem eigenen Schwerpunkt der Selbst-Entwicklung her von einer integralen Perspektive aus spricht. Wem es gelingt, auf solch geschickte Weise und vor allem derart authentisch Menschen jeder Ebene des Bewusstseins zu berühren, muss dieses Niveau der Entwicklung implizit gemeistert haben.

So ist es nun auch nicht erstaunlich, dass sich die Hinweise verdichten, dass Obama nicht nur 'integral entwickelt', sondern zudem auch 'integral informiert' ist. Hier nun einige Indizien, teilweise basierend auf Hörensagen.

Indiz #1: Von Don Beck heißt es, er habe auf einem seiner letzten Spiral-Dynamics-Trainings entgegen seiner Gewohnheit während des Unterrichts sein Mobiltelefon beantwortet. Eigenen Aussagen zufolge stand er in enger Kommunikaton mit Obamas Wahlkampfteam. Das wäre eine Erklärung für Obamas gelungene Kommunikation mit allen Ebenen.

Indiz #2: Auf einer Wahlkampfveranstaltung in Utah ist ein Foto entstanden, das Obama mit einer Ausgabe von Genpo Roshis Buch "Big Mind - Big Heart" zeigt. Es ist nicht auszuschließen, dass er darin gelesen hat. Link zum Foto.

Indiz #3: Bei den Demokraten tut sich was. Al Gore ist bekennender Fan von Wilbers Arbeiten. Bill Clinton ist schon lange dafür bekannt, dass er Wilber auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos öffentlich zitiert hat. Seine Frau Hillary, angehende Außenministerin in Obamas Kabinett, wird sich den Ansichten ihres Gatten wohl nicht versperren. Viele einflussreiche Demokraten sind auf dem Sprung zu Second-Tier.

Indiz #4: Obama selber zitiert bei einem Fundraising Dinner Ken Wilber (Quelle: Info3-Artikel von Wolfgang Schmidt-Reinecke, Ausg.1, Januar 2009)

Fazit: Obama integral? - "Yes, he Ken!"