23. September 2010

Die integrale Stimme finden

Auszug aus dem Bericht von der zweiten Integral Theory Conference 2010 bei San Francisco. Der ganze Bericht ist veröffentlicht im Online Journal "integral informiert", Ausg. 25, erhältlich über www.integralesforum.org.

Jordan Luftig: „Aufbau einer Bewegung durch Meta-Erzählung: Ein ideologischer Ansatz zur Inszenierung einer integralen Zukunft“

-von Dennis Wittrock, August 2010


Jordan Luftig arbeitet an der JFKU und forscht für das Integral Research Center. Für das Journal of Integral Theory and Practice (JITP) hatte er einen gleichnamigen Artikel geschrieben, den er nun in leicht abgewandelter Form präsentierte. Ursprünglich hatte er im Kontext von Jim Garrisons globaler Leadership Kampagne („State of the World Forum“) daran geforscht, wie man Menschen für integrale Ideen im Umgang mit der Klimakrise begeistern kann. Das Ergebnis seiner Forschung hat aber darüber hinaus Implikationen für die Kommunikation integraler Ideen in der Öffentlichkeit im allgemeinen.


Da ich selber in großem Maße ähnliche Ziele teile und mit Freunden und Kollegen im deutschsprachigen Raum verfolge, interessierte mich diese Präsentation besonders. „Wie bringen wir ein integrales Zeitalter hervor?“ Diese Frage treibt auch Jordan Luftig um. Über die beiden Standardantworten, Entwicklung integraler Theorie und Entwicklung integraler Anwendungen in der Praxis, sagte er, dass er sie zwar für ungemein wichtig, aber dennoch für unzureichend halte. Seiner Ansicht braucht es eine soziale Bewegung, die aus einer integralen Ideologie gespeist wird. Wir müssen die Politisierung der integralen Theorie umarmen und voranbringen.

Wie bitte? Politisierung der integralen Theorie und „integrale Ideologie?“ Mit Ideologie verbinden wir gemeinhin etwas Negatives, ein emotional aufgeladenes, mit Mythen unterfüttertes Glaubenssystem. Karl Mannheim unterschied 1936 zwischen zwei Formen von Ideologien: partikuläre und totale Ideologien. Erstere Definition bezieht sich auf die bestimmten Ansichten einer Partei oder Interessengruppe, z.B. Kommunismus. Letztere hingegen bezieht sich auf die charakteristische Denkweise einer ganzen Klasse oder einer historischen Epoche - Beispiele sind mittelalterliches Denken oder Modernismus.

In Luftigs Worten: „Wenn man es in integrale Begriffe übersetzt, dann besitzt eine partikuläre Ideologie die „wir-gegen-sie“ Mentalität, die das Denken innerhalb aller Weltsichten des ersten Ranges charakterisiert. Eine totale Ideologie dehnt das Konzept der Ideologie so weit, dass sie das Denken über eine Weltsicht bedeutet, egal ob erster Rang (z.B. bernstein-mythisch, orange-rational) oder zweiter Rang (z.B. petrol und türkis-integral) oder höher. In diesem letzteren Sinne ist die AQAL-Integrale Gemeinschaft von einer Ideologie angetrieben – Integralismus – und redet die ganze Zeit über Ideologien!“

Was leisten Ideologien? Sie destillieren die zentralen Aspekte einer Weltanschauung oder Theorie, brechen Sie in verständliche Einheiten herunter und motivieren Menschen zu konkreten Handlungen in der Welt. Wenn man mal über ihren schlechten Ruf hinwegsieht, der ihnen wegen ihrer partikulären Varianten anhängt, sind sie sehr kraftvoll und bewegen eine Menge in der Welt. Jordans Überzeugung ist, dass das Integrale ein um Vieles würdigerer Kandidat dafür ist, eine Ideologie zu sein, als jedes andere Gedankensystem. Ideologien sind die Basis für kollektive Identität und kollektives Handeln.

Er charakterisierte die Injunktionen seines ideologischen Ansatzes wie folgt:
1. Lasse dich in den Geist und das morphische Feld von Ideologie einsinken
2. Benutze Ideologie als konzeptuelle Linse und heuristisches Mittel
3. Grabe im Integralen – der Theorie und Gemeinschaft – nach Ideen, um der integralen Bewegung beim Wachsen zu helfen und die Gesellschaft zu transformieren.

Als nächstes führte er das Konzept der Meta-Erzählung ein. Das ist nicht identisch mit Meta-Theorie, wie man denken könnte. Auch bedeute es nicht, die Leute dort abzuholen, wo sie stehen. Das ist den meisten als integrale Kommunikationsstrategie schon in Fleisch und Blut übergegangen. Der Nachteil ist, dass wir als Integrale dabei mit unserer Position unsichtbar werden und unsere eigene einzigartige Stimme opfern. Eine weitere Art, wie wir unsere Stimme preisgeben, ist, wenn wir ausschließlich mit der Stimme des neutralen Modells sprechen, der „Stimme des wahlfreien Gewahrseins“.

Wilber sagt an mehreren Stellen, dass AQAL im Prinzip ein inhaltsleerer Rahmen ist, den wir selber mit Inhalt füllen können. Jordan kontrastierte das mit Wilbers anderer Stimme, die ebenfalls oft bei ihm durchschlägt, so z.B. in Eros, Kosmos, Logos, wo er passioniert Partei gegen die vorherrschende Flachland-Weltsicht ergreift. Dies ist die andere Stimme, die narrative Stimme, bzw. die „Stimme der Wahl“. Beide Stimmen sind wichtig, doch wenn wir die narrative Stimme vernachlässigen, was Jordan zufolge in der integralen Bewegung derzeit geschieht, werden wir niemals eine breitere Masse von Menschen erreichen und bewegen können.

Ein Mensch, der das in der jüngeren Vergangenheit getan hat, war Barack Obama. Entsprechend hat Jordan dessen Strategie genauer unter die Lupe genommen. Er fand heraus, dass die Menschen, die sich für seine Nominierung einsetzten, in „Camp Obama“ gelehrt wurden, drei verschiedene Geschichte zu erzählen:

1. Die Geschichte des „Selbst“
2. Die Geschichte von „uns“
3. Die Geschichte des „jetzt“

Dieser Ansatz des public narrative geht auf Marshall Ganz zurück, der ihn als eine Leadership-Kunst bezeichnet. Integralisten erkennen darin unschwer die Großen Drei (Ich, Wir, Es) wieder. Es ist eine integrale Weise des Geschichten-Erzählens.

Doch wie sieht es in der integralen Gemeinschaft selbst aus? In Jordans Worten: „Basierend auf meinen Erfahrungen sind integrale Leader schnell bei der Hand damit die Geschichte des jetzt, über den Zustand der Welt zu erzählen, begleitet von der Geschichte davon, wie wir zusammenkommen müssen, um die planetaren Probleme zu lösen[...].Möge es so sein und mögen wir so sein. Was ist mir dir und „Ich“? Die Geschichte des Selbst wird oft vernachlässigt oder wird nicht erzählt.“

Warum auch immer das so ist - das entspricht auch meiner Erfahrung. Mit einem Zitat von Marshall Ganz machte er deutlich, warum das Auslassen der Geschichte des Selbst unsere Glaubwürdigkeit untergräbt: „In persönlichen Begriffen bedeutet das, dass die meisten Teilnehmer sowohl Geschichten haben über den Schmerz der Welt als auch die Hoffnung der Welt. Und wenn wir zuvor noch nicht gelernt haben, über unsere Geschichten des Schmerzes zu sprechen, kann es eine Weile dauern zu lernen damit umzugehen. Doch wenn andere versuchen zu verstehen warum wir tun, was wir tun – und wir dieses Stück auslassen – wird unser Bericht Authentizität vermissen lassen, was Fragen über den Rest der Geschichte aufkommen lässt.“

Die Kunst der Führung ist also eng mit der Fähigkeit verbunden andere Menschen durch das eigene Beispiel zu berühren und dadurch Glaubwürdigkeit auszustrahlen – ein Mensch zu sein, mit dem man sich identifizieren kann. Das ist die Kraft der Geschichte des Selbst und eine der zentralen Botschaften, die ich persönlich von der ITC mit nach Hause nehme. Ich muss meine /wir müssen unsere eigene integrale Stimme finden und ausdrücken. Das ist nicht die neutrale Stimme des wahlfreien Gewahrseins, die im öffentlichen Diskurs chamäleongleich verschwindet, sondern die passionierte Stimme der Wahl. Ich kann es mir buchstäblich nicht leisten, mich dabei ständig hinter großen Denkern, umfassenden Theorien und hehren weltzentrischen Idealen und dem „höheren Wir“ zu verstecken, sondern muss lernen mitzukommunizieren, was mich persönlich antreibt all diese Dinge zu tun - die evolutionäre Verantwortung auf mich zu nehmen, die oftmals undankbare Pionierarbeit zu leisten, Karriereentscheidungen gegen den Strom der Gesellschaft zu treffen, meine Beziehungen aufs Spiel zu setzen, meine Familie zu irritieren, zwischen allen Stühlen zu sitzen. Sonst können mich die Menschen nicht spüren und mir nicht vertrauen.

Was ist es, was ich am Integralen so unendlich kostbar finde und warum? Was ist es, wofür ich Ken Wilber und anderen so unendlich dankbar bin? Welche zarten Hoffnungen nähre ich in meinem Herzen? Worunter leide ich, wenn ich etwas als weniger als integral wahrnehme? Was sehe ich als das strahlende Versprechen und erstrebenswerte Ziel des integralen Bewusstseins? Wie kann ich meine eigene Erschütterung über den Grad der Fürsorge und Mitgefühls des integralen Bewusstseins wenigstens als Nachbeben spürbar machen? Wie kann ich mein brennendes Verlangen, die höhere Wahrheit, Schönheit und Güte der integralen Vision mit anderen Menschen zu teilen, kommunizieren, ohne dass es kitschig oder pathetisch klingt? Wie kann ich meiner Dankbarkeit Ausdruck verleihen an diesem Wissen teilhaben zu dürfen und wie kann ich der damit einhergehenden Verantwortung gerecht werden?

Das sind Fragen, die mich persönlich umtreiben und die vielleicht ein guter Einstiegspunkt in eine kontinuierliche Praxis sind, um zu lernen die Geschichte des Selbst zu erzählen. Wer bist Du? Warum liest Du solche Berichte? Was hat das mit Dir, Deinem Schmerz und Deinen Hoffnungen zu tun? Tritt hervor und zeig Dich – wir und die Welt brauchen Dich!

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